Jeschua - ישוע wird in den Evangelien oft auf hebräisch als Rabbi - רבי oder auf aramäisch als Rabbuni - רבוני angesprochen.

Was sind die Aufgaben und Anliegen eines Rabbis?

Es ist üblich, dass ein Rabbi um sich herum sog. "Schüler" sammelt. Diese heißen auf hebräisch im Sg.  "Talmid "-  תלמיד/im Pl. "Talmidim" -- תלמידיםIhnen hat er sein Wissen bezüglich der Tora zu vermitteln, nicht nur theoretisch, sondern ganz besonders praktisch. Darum geht es für einen Rabbi. Und genau das war das Anliegen Jeschuas in den Evangelien. 

Deswegen kommen wir in meiner Übersetzung weg von der Vokabel "Jünger". Ich werde stattdessen das hebräische Wort "Talmid"/"Talmidim" verwenden. Weil mit dieser Übersetzung "Jünger" der entscheidende Punkt verloren geht: Jeschua war kein Guru, sondern ein Lehrer der Tora. Indem er um sich "Talmidim" = Tora-Schüler sammelte, wird deutlich, dass er ganz in der jüdischen Tradition mit der Aufgabe betraut war, die Tora = Weisung, Lehre Elohims zu lehren, nämlich in Wort und Tat. (lesen Sie auch im Menü "Tora" die Worterklärung, was "Tora" in seinem hebräischen Wortkern bedeutet!)

Um dies zu untermauern wollen wir uns den Kernsatz in der Berglehre Jeschuas hier beispielhaft näher anschauen.

 Hier in Mattiti'jahu 5, 17 -  20 finden wir die Kern- und Hauptaussage Jeschuas seiner gesamten Berg-Lehre auf dem Hügel bei Kfar-Nachum (= Kapernaum):

17 Wähnet nicht, dass ich gekommen sei, die Tora und die Propheten außer Kraft zu setzen. Ich bin nicht gekommen außer Kraft, sondern in Kraft zu setzen, d. h. sie aufzurichten (und sogar zu erfüllen!)[1]

18 Denn wahrhaftig, ich sage euch: Bis dass (dieser irdische) Himmel und Erde vergehen werden, wird weder ein ‚jud‘- יוּד [2] noch (sogar) ein ‚kotz[3] - קוֹץ (= Strichlein) von der Tora ungültig sein, bis dass es alles aufgerichtet (geschehen) ist

19 Wer immer eins der geringsten (= geringer gewichtigen) mizwot - מצוות (Gebote) nicht einhält und andere Menschen lehrt, diese nicht einzuhalten, der wird der Geringste im ‚Königreich der Himmel‘ - מַלְכוּת הַשָּׁמָיִם malchut–haSchamajim sein. Wer sie jedoch einhält und andere Menschen lehrt, sie einzuhalten, derjenige wird groß im ‚Königreich der Himmel‘ malchut–haSchamajim sein. 

20 So sage ich euch nun: Wenn eure Gerechtigkeit - haZ|daka - הצדקה die der Sofrim  und Pruschim nicht weit übertrifft, so werdet ihr nicht in das ‚Königreich der Himmel‘ malchut–haSchamajim hinein gelangen. 

 

[1] Mt. 5, 17: hierbei handelt es sich um eine typisch rabbinische Ausdrucksweise. Wenn es um Gebote der Tora geht, dann redet man darüber, ob ein Gebot der Tora gültig ist oder nicht. Das wird dann mit den folgenden Worten ausgedrückt: לבטל ‚levatel = „ausradieren“, „ungültig sein“, „außer Kraft setzen“; im Gegensatz dazu: לקים  ‚lekajem= „aufrichten“, „gültig sein“, „in Kraft setzen“. Hier jedoch geht Jeschua sogar noch einen Schritt weiter, denn er sagt „erfüllen“ = griechisch ‚ploiroo‘…. Damit ist ausgedrückt, dass es bestimmte Gebote der Tora gibt, welche nur Jeschua als Messias Israels in sich selber erfüllen konnte, wie z. B. das Gebot des Pessachlammes, das Schlachten eines 1-jährigen männlichen Lammes, bei dessen Tötung alljährlich keine Gebeine gebrochen werden durften. Überhaupt die ganzen Opferbestimmungen waren ein Vorschatten auf den Messias, der in sich diese allein "erfüllen", d. h. zur Erfüllung und zur Aufrichtung bringen konnte.

[2] Mt. 5, 18: ‚jud‘- יוּד =י  ist der kleinste Buchstabe des hebräischen Alphabetes. Meist wird in den Übersetzungen das aramäische Pendant “jota” wiedergegeben, das dem hebräischen “jud” entspricht.

[3] Mt. 5, 18: das kotz – קוֹץ = “Strichlein” oder “Dorn”, auf griechisch “keraja” = “Hörnchen, Häkchen, Strichelchen”. Einzelne Buchstaben des hebräischen Alphabetes haben als Zierat diese “Dornen” oder “Hörnchen”, um sie von den ihnen ähnlichen Buchstaben zu unterscheiden. z. B. : כ von ב; ר vonד;

= Jeschuas Aussage ist also: Nichts, nicht der kleinste Buchstabe und noch nicht einmal das Strichlein (kotz), welches 2 Buchstaben im hebräischen Alphabet von einander unterscheidet, wird je verloren gehen aus den Schriften der Tora und den Propheten.

Fazit: die "Lehre auf dem Berg" bei Kfar-Nachum ist die Anweisung an all seine Nachfolger - Talmidim, dass die Tora einzuhalten ist. Jeschua im weiteren Verlauf seiner Rede (Mattiti'jahu 5 - 7) führt nun Beispiele an wie die Tora in ihrer vollen Bedeutung zu verstehen ist. Aber Jeschua setzt hier auch den zukünftigen Akzent:

die Aufrichtung der Tora ist das Manifest und Ziel für sein Königreich, das er als legitimer "Sohn Davids" - בן דויד einnehmen wird!